Deutschlands Wirtschaft vor der Wahl 2017: Kondratieff-Zyklen, Wirtschaftsdynamik und 25-Woche

Von Dr. Uli Spreitzer

Laut jüngsten Zahlen des statistischen Bundesamtes ist die Arbeitslosigkeit im letzten Quartal weiter gesunken und es gab knapp eine halbe Million mehr Beschäftigte. Gleichzeitig sank die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden auf 321 in letzten Quartal. Das entspricht ca. 25 h pro Beschäftigtem. Die EZB spricht in ihrem letzten Bericht von großem ungenutzten Arbeitsreservoir und die Inflation ist immer noch gering. Offensichtlich ist Deutschland und die EU ist erfolgreich im Um- oder Gleichverteilen von Arbeit, aber weniger im Schaffen einer starken wirtschaftlichen Dynamik. Trotz Diskussion um Wirtschaft 4.0 oder Digitalisierung scheint ein Megatrend, der hohe wirtschaftliche Dynamik verspricht (Kontradieff-Zyklus) nicht in Sicht.

Deutschland als halbäugiger unter Blinden

Viele Leitmedien loben die Wirtschaftspolitik seit der Agenda 2010 vornehmlich durch die Regierung Merkel. Betrachtet man die Zahlen, dann ist die Erzählung differenzierter. Der Abbau der Arbeitslosigkeit geschieht in einem großen Teil durch Umverteilen der Arbeit. So ist die durchschnittliche Stundenzahl im letzten Quartal bei ca. 25 Wochenstunden. Nimmt man nur die nominell Vollzeitbeschäftigten raus, so nähert man sich der These: 30 Stunden sind die neue 40 Stunden.

Einer der letzten volkswirtschaftliche Bericht der EZB analysierte dies. Misst man Arbeitslosigkeit am freiliegenden Arbeitsreservoir, so kommt man in der EU auf 18 statt 9,5%. Es liegt also viel Arbeitskraft brach. Bei brachliegenden Arbeitskraftangebot sind Lohnsteigerungen schwierig zu erreichen. Inflation bildet sich, wie aktuell, kaum aus

Das BIP ist in einigen Ländern der Eurozone aktuell noch hinter dem vor der Finanzkrise von 2008. Die Steigerungen des BIP in Deutschland seit 2010 sind bei gut 1% p.a. Das ist ein erfreulicher Wert, aber wie auch in anderen Ländern der EU, deutlich unter 2-3%, die man bräuchte um damit Arbeitslosigkeit groß zu bekämpfen.

Fehl ein neuer wirtschaftlicher Superzyklus?

In der Wirtschaftswissenschaft gibt es den Begriff des Kondratieff-Zyklus. Er ist der fundamentalste, wirkmächtigste und mit 45 bis 60 Jahren der längste der wirtschaftlichen Zyklen. Die vorhergehenden waren: Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität/Chemie und Automobil/Petrochemie. Der aktuelle, aber bereits im Abklingen ist der der Informationstechnologie.

Es gibt wirtschaftliche Großprojekte, die auch im jetzigen Wahlkampf Thema sind, wie Digitalisierung oder Industrie 4.0. Das ist kein Kondratieff-Zyklus sondern Verbesserung oder Optimierung bestehender Systeme. Selbst bei Industrie 4.0 schöpfen Konzerne, die darin führend sind wie Siemens, Optimierungspotentiale aus und bauen Stellen ab.

Der oft diskutierte Superzyklus Biomedizin ist in Teilgebieten v a dem der Embryonenforschung heftig umstritten und in der EU, die mehrheitlich katholisch ist, nicht konsensfähig. Unabhängig davon ist umstritten, was davon realisierbar wäre.

Fehlende Superzyklen verlangsamen das Wirtschaftswachstum

Höhere wirtschaftliche Wachstumsraten lassen sich nicht in der Optimierung bestehender Systeme generieren. Sie brauchen einen neuen Kondratieff-Zyklus. Das erklärt auch, warum die Wachstumszahlen in der EU immer noch zu niedrig sind. Ebenso steigen Produktivität und die Löhne zu wenig. In Summe machte es auch längeres Arbeite unattraktiv, da der relative Einkommensgewinn zu gering ist.

Gründe für das Ausbleiben des Superzyklus

Der Grund für das Ausbleiben des Superzyklus ist unklar. Aber ein paar Ursachen sind doch zu erkennen. Eine ist die Wissenschaftspolitik der letzten 30 Jahre. Diese hat die Unis von der Grundlagenforschung hin in angewandte Forschung gelenkt hat. In der Wirtschaftstheorie sind dies die eher kurzfristigen und nicht so fundamentalen Zyklen. Mit der Bologna-reform hat man zudem die akademische Freiheit beschnitten.

Noch negativer hat sich aber die Konzentration oder fast schon die Ausbildung von Oligopolen in der Wirtschaft ausgewirkt. Die Beschäftigtenzahlen bei den Konzernen wie Siemens oder auch den Kirchen inklusive der jeweiligen verbundenen Unternehmen belegen diese Konzentration. Eine Start-up Dynamik wie am neuen Markt der Frankfurter Börse vor knapp zwanzig Jahren erscheint heute nicht möglich.

Ein Grund für diese Konzentration ist der Megatrend der Compliance, also einer viel aufwändigeren Dokumentation, Buchführung, Vehaltensregeln etc. Dies hindert Start-ups sich zu entwickeln, da rechtliche Risiken zunehmen und große Aufträge prinzipiell nicht einwerbbar sind. Selbst beim Beispiel für den „Garagenmillionär“ per se, Bill Gates wird oft verschwiegen, dass er aus einer sehr wohlhabenden Familie stammt und seine Garage eher ein Haus war.

Wie bekommt man einen Superzyklus und höhere wirtschaftliche Dynamik

Die Frage ist schwer zu beantworten. Eine Lösung könnte sein, Fehlentwicklungen der Vergangenheit rückgängig zu machen. Einrichtungen wie Universitäten sollten wieder Orte des absichtslosen Forschen und Versuchens werden. Der Wildwuchs an Compliance ist vor allem für kleinere Unternehmen zurückzuschneiden.

Der Autor ist Mitinhaber der Löw&Spreitzer GmbH.

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